Seitensprung erwünscht!
Tolle Ensembleleistung über drei Stunden: Georges Feydeaus Komödie "Floh im Ohr" im Passauer Stadttheater
Ein Gramm Verwicklung, ein Gramm Pikanterie und ein Gramm Beobachtung nannte der französische Autor Georges Feydeau das Patentrezept seiner Komödien, die, um die Wende zum 20. Jahrhundert geschrieben, heute nur noch bedingt gut funktionieren. Davon zeugt die jüngste Produktion des Südostbayerischen Städtetheaters. "Floh im Ohr" hatte am Samstagabend im Fürstbischöflichen Opernhaus in Passau Premiere. Georges Feydeau hat die Ingredienzen seiner Schwänke reichlich untertrieben. Denn seine Zutaten hat er nicht gramm-, sondern gleich kiloweise verwendet. Da ist (manchmal zu viel) Klamauk inbegriffen.
Eheleute und lüsterne Junggesellen Gastregisseur Patrick Guinand, der die sehr sensible und frische deutsche Fassung der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gewählt hat, setzt ganz auf den Farcen-Mechanismus ständiger komischer Manöver, Versteckspiele und Verwechslungen zwischen Eheleuten, lüsternen Junggesellen und Dienstpersonal. So werden die Turbulenzen um vermeintliche Ehebrüche und mehr oder weniger gewünschte Liebschaften im "Hotel zu zärtlichen Miezekatze" auf die Spitze getrieben.
Dorthin ist allerdings ein zu langer Weg. Der Regisseur hätte den Mut haben sollen, die doch manchmal sehr umständlichen Dialoge des ersten Akts zu straffen. Die Handlung kommt schwer in Gang. Als sie es dann aber endlich ist, wird daraus doch noch ein amüsanter Theaterabend. Das ist allerdings nur der tollen Ensembleleistung zu verdanken. Dieses Stück kann man nur schnell spielen. Dass das enorme Tempo drei Stunden lang aufrecht erhalten und jede Rolle mit all ihren liebevollen Details und Übertreibungen bis zum Ende kraftvoll durchgehalten wird, ist eine enorme Leistung.
Reinhard Peer beeindruckt besonders durch den raschen Kostüm- und Rollenwechsel vom bürgerlich-ängstlichen Chandebise, der unter nachlassender Manneskraft leidet, zum tollpatschigen Hoteldiener Poche. Besonders köstlich: Antonia Reidel als gutbürgerliche Ehefrau Raymonde, die eine Intrige anzettelt, die ihr dann fast selbst zum Verhängnis wird, als sie sich mit dem smarten Tournel (als immer bereiter Beau ganz in Weiß von Olaf Schürmann gespielt) und anderen Männern im Bett des zweifelhaften Etablissements wiederfindet. Die Szenen mit Freundin Lucienne (als Femme fatale überzeugend: Stefanie Döbler), die jeden Mann heftig anbaggert, sind die witzigsten. Da wird synchron getrippelt, gelaufen, geseufzt und gegackert.
Die Gegensätzlichkeit der Typen macht das Stück unterhaltsam: Sekretär Camille mit seinem auffälligem Sprachfehler wird von Sebastian Knözinger mit viel Temperament und Körpereinsatz gespielt; eine Paraderolle für Jochen Decker ist der eifersüchtige, hitzköpfige Spanier Homenides, der bei seiner Frau lammfromm und unterwürfig ist. Holger Hildmann ist auf die Bühne zurückgekommen und legt seinen Hotelbesitzer an zwischen Zirkusdirektor und Militär, der mit der Reitpeitsche seine "Manege" beherrscht; Ursula Erb spielt Olympe als Puffmutter, eine abgelegte Lebedame namens "Reithose".
In weiteren Rollen: Kristoffer Nowak als Klischee vom trinkfreudigen und liebestollen Engländer, der keine abbekommt, Wolf Zehren als näselnder Arzt, Marius Hubel als zackiger Diener, Klemens Neuwirth als Hotelfaktotum, das sich in fremden Betten wiederfindet, und Maria Magdalena Rabl und Paula-Maria
Versöhnung im Wohnzimmer Kirschner als Dienstpersonal. Erstere eine Köchin, die sich ihr Liebesleben einzurichten weiß, letztere ein Hotel-Kammerkätzchen, das der Herrschaft und den Gästen seelenruhig auf der Nase herumtanzt, bzw. wedelt.
Die Ausstattung von Pierre Albert ist stimmig boulevardmäßig; mit zarten Tönen im Bürgersalon und kitschigem Rosa-Violett im Stundenhotel. Ansonsten gibt es kleine Chanel-Kostümchen und Handtäschchen, Torero-Bauchbinde und Salonanzüge wie im "Großen Gatsby".
Der aberwitzige Galopp endet mit Versöhnung im bürgerlichen Wohnzimmer - statt mit erotischen Abenteuern im verruchten Hotel. Und doch hofft jeder: Das war nicht die letzte Gelegenheit zum Seitensprung!
Edith Rabenstein
Passauer Neue Presse vom 21.05.2007
/ Feuilleton